Anfang März am U-Bahnsteig

Für Ende März war es außergewöhnlich kalt. Selbst hier auf dem windgeschützten U-Bahnsteig konnte sie ihren Atem noch deutlich sehen. Auch er, der Mann, mitte 60, welcher nicht weit von ihr entfernt stand zitterte merklich. Sie fragte sich wo er wohl hin musste. Wieso er bei diesen unmenschlichen Bedingungen das Haus verließ. Hätte sie ihr Bett nicht verlassen müssen, wäre sie liegen geblieben. Ihr Mantel tropfte, der Schnee hatte sich doch dazu entschieden zu schmelzen. Auf ihrem Schal hatten sich Perlen aus Wasser gebildet. Der Mann sah sie mitleidig an und zwang sich zu einem lächeln. Auch sie schob ihre Mundwinkel, fast unmerklich, nach oben.

“Schule?”

Sie nickte kurz. Jetzt konnte auch sie sich nicht mehr zurück halten.

“Und was treibt sie auf die Straße?”

“Das Geschenk auf die Straße gehen zu können.”

Sie schluckte, er hatte ja recht und plötzlich fühlte sie sich schuldig. Sie war sich dem Gut gesund zu sein und alle Vorteile eines gesunden Körpers nutzen zu können schon bewusst aber sie führte es sich zu selten vor die eigenen Augen. Er hatte sich mittlerweile abgewandt aber sie starrte ihn immer noch an. Sein Mantel wölbte sich leicht über seinem buckligen Rücken und das graue, lichte Haar stand über dem Kragen ab. Sie zitterte immer noch am ganzen Leib aber sie wünschte sich nicht mehr sehnsüchtig in ihr Bett zurück. Sie stand aufrichtiger und sich dem Bewusst was es für ein Geschenk war in der Kälte stehen zu können. Die Bahn fuhr rauschend ein und war von Regentropfen bedeckt. Sie stieg nach dem Mann ein und setzte sich auf einen der freien Plätze. Der Mann stieg irgendwann aus, in der Nähe des Parks. Er verabschiedete sich mit einem lächeln und einem kurzen Nicken. Sie erwiderte die nette Geste und sah ihm nachdenklich nach. Er streifte sich seine Handschuhe über, zog die Kapuze an und verschwand im Schneesturm Richtung Park.

Pauline

9 Kommentare zu „Anfang März am U-Bahnsteig

  1. Schöne Geschichte. Es ist immer wichtig, sich der kleinen Dinge bewusst zu machen und besonders der eigenen Gesundheit und der Gesundheit der Lieben im Leben.
    Liebe Grüße,
    Emilie
    LA MODE ET MOI

  2. Richtig schöner Gedanke, den Du da ausführst. Ich gehe auch sehr gerne einfach mal raus ohne Ziel und genieße diese Freiheit. Wenn man Menschen kennt, die das nicht einfach können weiß man wie viel das wert ist .

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