Psychopharmaka abgesetzt – meine Erfahrungen

Hier sitze ich also, nicht ganz eine Woche “clean”, stolz aber irgendwie auch traurig.

Falls du Hintergrundwissen brauchst oder dich meine Erfahrungen mit Depressionen und mit dem Einnehmen von Psychopharmaka interessieren, schau doch mal hier: Depressionen – wie ich in das schwarze Loch fiel und hier: Psychopharmaka absetzen und meine Erfahrungen mit Sertralin vorbei.

Ich habe, soweit ich mich erinnern kann, im Januar 2017 angefangen täglich 75mg Sertralin zu nehmen, nachdem ich mit Fluoxetin keinen Erfolg hatte. Die 75mg reichten aber auch nicht und ich erhöhte auf 100mg. Das nahm ich dann brav 15 Monate lang. Meine Psychiaterin erklärte mir alles über mögliche Nebenwirkungen und auch wie der Absetzungsprozess aussehen würde: nachdem man ca. ein halbes Jahr stabil war, könne man mit dem Absetzen beginnen hieß es damals. In 25mg Schritten, mit Pausen von ca. drei bis fünf Wochen, je nachdem wie sicher man sich fühlt. Anfang 2017 fühlte ich mich dann bereit, wollte aber noch bis zum Frühjahr warten. “Stabil” war ich zwar schon früher, hatte die Happy Pill aber gerne als Stütze im Hinterkopf. Mit meiner Psychiaterin besprach ich dann alles und ich begann am 16. April damit, die Dosierung zu senken. Ich habe es gemerkt, aber definitiv nicht dramatisch oder sogar so sehr, dass ich wieder erhöhen wollte. Meine Stimmung war gedrückter als sonst und ich war unmotiviert und unkonzentrierter, damit kam ich aber klar. Das hat sich, als mein Körper sich an die Umstellung gewöhnt hat, aber auch wieder gelegt. Ich hatte mir vorgenommen die Dosis alle drei Wochen zu senken, war dann aber von den Nebenwirkungen frustriert und geängstigt, dass ich die erste Phase auf fünf Wochen streckte. Am 20. Mai waren es dann nur noch 50mg und das Spiel wiederholte sich. Allerdings gestärkt mit dem Wissen, dass sich mein Körper am Ende von vier Wochen dran gewöhnt haben würde, begann ich am 11. Juni mit 25mg. Da stellte sich die Angst ein. Ich hatte Angst ohne die Tabletten nicht klar zu kommen, wieder zu fallen, den Rest meines Lebens auf die kleinen, weißen Tablettchen angewiesen zu sein. Am 8. Juli nahm ich dann die letzte Tablette.

Dann kam irgendwie ein Loch. Kein psychisches, sondern körperliches. Anfang der Woche setzte leichter Schwindel ein, der von Tag zu Tag schlimmer wurde, dazu kamen Kopfschmerzen. Meine Psychiaterin sagte, ich solle mich ausruhen, mir das ganze wie einen kalten Entzug vorstellen. Sie sagte, wenn es gar nicht geht solle ich jeden zweiten Tag nochmal 25mg nehmen. Aber das wollte ich nicht. Mein Wille das jetzt einfach durchzustehen war zu groß. Ich wollte die Pillen nicht gewinnen lassen. Das Schwindelgefühl ist zum kotzen, lässt aber langsam nach. Es fühlt sich an, als hätte man zu viel Alkohol getrunken, legt sich ins Bett, schließt die Augen und dann fängt alles an sich zu drehen. Sogar die Übelkeit war ein paar mal da. Aber ich habe durchgehalten. Der Schwindel wird von Tag zu Tag ein bisschen besser. Aber ich hatte es mir schlimmer vorgestellt, dass deutlichere Symptome bemerkbar machen, aber die ersten Wochen waren rückblickend wirklich okay. Ich will hier definitiv nichts schön reden, dafür bin ich nicht da, aber ich war einfach auf alles gefasst gemacht, wovon sich am Ende vielleicht 20% bewahrheiteten.

Ich habe gewonnen.

Stolz bin ich, weil ich jetzt “clean” bin, traurig bin ich, weil überhaupt “clean” werden musste. Natürlich wäre es einfacher gewesen, wenn ich nie einen Grund gehabt hätte, Tabletten zu nehmen.

Fragen könnt Ihr mir gerne per E-mail an yourcompanionsite@gmail.com stellen.

Pauline

Psychopharmaka absetzen und meine Erfahrungen mit Sertralin

Vorgeschichte

Wie in meinem Beitrag Depressionen – wie ich in das schwarze Loch fiel bereits geschrieben, nehme ich zur Zeit Psychopharmaka, Antidepressiva. Zuerst nahm ich das Mittel “Fluoxetin”, welches aber nicht wirklich half, also hat mir meine Psychiaterin “Sertralin” verschrieben. Beide Mittel zählen zu den “selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer”. Sertralin half.

Sertralin – Meine Erfahrungen

Am Anfang wurden mir 50mg verschrieben, die normale Dosis um zu starten, bei einem “Durchschnitts-depressiven”. Es wurde besser, aber meine Schlafprobleme quälten mich immer noch. Also wurde auf 75mg erhöht und dann auf 100mg. Bei 75mg ging es mir für mein Empfinden wieder richtig gut aber meine Ärztin sagte, dass da definitiv noch Luft nach oben ist. Das verblüffte mich richtig. Ich war so erleichtert und mir ging es wieder so gut, im Verhältnis zu den Monaten davor… Aber mit 100mg merkte ich nochmal einen deutlichen Unterschied. Jeden morgen nahm ich also eine dieser kleinen Pillen, manchmal fühlte ich mich wie eine Drogenabhängige, was ich in gewisser Weise ja auch war und bin. Aber es ist nichts schlimmes daran. Ich mache kein Geheimnis daraus und in meinem Freundeskreis machen wir Witze darüber, ob ich Person XY nicht mal eine mitbringen sollte, der/die ist in letzter Zeit nicht so gut drauf. Es nehmen statistisch gesehen immer mehr Leute Antidepressiva, was einerseits natürlich traurig ist, andererseits wird die Gesellschaft immer toleranter. Brachten die Pillen Nebenwirkungen mit sich? Mein Haut spielte in den ersten Wochen verrückt, aber lieber Pickel als Depressionen. “Fun” Fact: Eine Nebenwirkung von Antidepressiva sind Depressionen. Ziemlich Paradox.

Psychopharmaka absetzen

Jetzt wird es Zeit meine, liebevoll genannten, “Happy Pills” abzusetzen. Meine Psychiaterin hat gesagt, dass man die Tabletten noch ein Jahr, nachdem es einem wieder gut geht, nehmen sollte. Das Jahr ist für mich bald rum, im Frühjahr 2017 hatte ich wohl die ersten Momente, in denen ich wieder leichter aufstehen konnte und meine grundsätzliche Stimmung sich gebessert hatte. Aber der Gedanke meinen geschützten Hafen zu verlassen und wieder mit meiner Psyche alleine zu sein, ohne medikamentöse Unterstützung, ängstigt mich. Scheiße, habe ich eine angst. Ich habe angst, wieder in ein schwarzes Loch zu fallen, das ich es ohne Medikamente nicht schaffe, dass alles, was ich denke gelernt zu haben nur eine Illusion durch meine kleinen Helferchen war. Ich will nie mehr da hin wo ich vor mittlerweile über einem Jahr war. Die Medikamente werden langsam abgesetzt, ich denke in 25mg Sprüngen und zwischen den Senkungen ein paar Wochen Zeit.

Ich denke ich werde meine Erfahrungen hier mit dir teilen, wenn es dich interessiert?!

Pauline

Wie das Schreiben mir vielleicht das Leben retten konnte

Was nun folgt, habe ich geschrieben als ich noch tief in der Depression gesteckt habe. Das ist sehr persönlich und nicht leicht ab zu tippen. Ich habe Seitenweise geschrieben, weil sich der ganze Müll und das Gedankenchaos sonst nur angestaut hätte. Ich habe das Heftchen, in das ich geschrieben habe, gerade erst wieder gefunden und bin ein bisschen erschrocken. Wirklich klar kann ich mich nämlich, bei den meisten Sachen, nicht mehr an das Verfassen erinnern. In dieser Zeit war es ein Ventil, welches ich dringend nötig hatte. Vielleicht war es sogar Lebenswichtig…

Wie bin ich hier hingekommen?

Ich sitze auf dem Sofa im Wohnzimmer, morgens um fünf Uhr und ich bin allein. (Faktisch bin ich nicht alleine, unsere Katzen haben sich an meine Füße gekuschelt, aber ich bin einsam, so einsam habe ich mich noch nie gefühlt. Auch nicht in letzter Zeit, als es schlimmer wurde. Alleine und einsam sein sind für mich ohnehin zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Alleine ist man, wenn sich kein anderer Mensch in der Nähe befindet, aber einsam kann man auch in einem Stadion, gefüllt mit anderen, sein.) Einsam mit meinen schweren Gedanken und den unzähligen “Was wäre wenn…” in meinem Kopf. Depressionen, ein Kampf gegen sich selber. Geschlafen habe ich noch nicht und im Bett zu liegen hielt ich nicht mehr aus. Es hat sich an gefühlt, als würden meine Lungen kollabieren. Als würde ich ersticken und alle Last der Welt einzig und allein auf meinen Schultern liegen. Ich war schon immer empathisch was ich eigentlich für eine gute Eigenschaft hielt, aber ich denke ich bin zu einfühlsam. Gedankensplitter haben meinen Körper, wie schon so oft, durchstochen. Die Erinnerungen an meinen geliebten Opa haben mich in einer erneuten, ungewöhnlich heftigen, Welle überrannt. Mein Bruder ist gerade mit Freunden nach Hause gekommen. Sie waren feiern und sind angetrunken. Ich wünschte ich wäre jetzt glücklich und müde wie sie nach Hause gekommen, könnte ins Bett fallen und nach Sekunden schlafen. Müde bin ich zwar aber an Schlaf ist trotzdem nicht zu denken. Mein Herz hat sich mittlerweile beruhigt und meine Lungenflügel können sich wieder normal füllen. Aber aufstehen kann ich trotzdem nicht. Eine unsichtbare Kraft hält mich immer noch nach unten, wie Gewichte die mich runter ziehen und auf mir liegen. Das ist wohl die Last der Welt, die ich so deutlich spüren kann. Sonst spüre ich nichts. Noch nicht einmal Trauer über meinen Zustand. Nur Schwere die mich mein Leben nicht mehr leben lässt. Mir wurde meine Seele und alles menschliche genommen.

Vor einigen Wochen habe ich es erzählt. Ich hielt das alles nicht mehr aus. Ich bin zusammengebrochen, nach knapp 1 1/2 Jahren bin ich unter der Schwere, die meine Depression angenommen hatte, eingeknickt. Der ständige Regen in meinem Kopf wurde zu laut. Es viel mir schwer, ich wollte nie einer von diesen Menschen sein. Depressionen sind in der heutigen Gesellschaft doch schon als Modekrankheit verschrien. Depressionen sind so unfassbar häufig geworden. Und ich bin eines der Opfer.

Mittlerweile kann ich zum Glück sagen, dass ich meine Seele und das was mich als Menschen ausmacht, wieder gefunden habe. Vielleicht klingt das in deinen Ohren albern, oder sogar lächerlich, aber so sah meine Gefühlswelt vor circa acht Monaten noch aus. Es war, als wären die Dinge, nachdem ich sie niedergeschrieben habe, in meinem Kopf nicht mehr so präsent gewesen. Ich wusste, dass ich, mein Geist, nicht weinen muss, sondern auf dem Papier bluten musste.

P.s.: Heute ist der sechste Oktober. Vor genau 2 1/2 Jahren ist mein Opa gestorben.

Pauline

Was mich meine Depression gelehrt hat

I’ve never met a strong person with an easy past.

Depressionen sind scheiße – keine Frage. Zumindest so lange man in einer steckt. Wenn es einem wieder besser geht, die Wunden geheilt sind und man getrost an diese Zeit zurück denken kann, kommen (mir auf jeden Fall) auch positive Dinge in den Sinn. Um denen, welche gerade noch eine schreckliche Zeit durchmachen, vielleicht Mut zu machen, kommt hier eine Aufzählung dieser Dinge, die Du hoffentlich auch bald wieder erkennen kannst:

  1. Dankbarkeit – Ich nehme Dinge anders wahr. Ich bin dankbar, dass es mir wieder gut geht und bin nicht mehr so leicht runter zu kriegen, da ich weiß was es heißt am Boden zu sein.
  2. Empathie – Nachdem man solch eine Zeit überstanden hat, kann man sich gut in Leute hinein versetzen, die gerade etwas ähnliches erleben. Ich kann nachvollziehen oder zumindest erahnen wie es in ihnen geht. Das hilft mir im Umgang mit Mitmenschen enorm.
  3. Wertschätzung – Ich schätze jeden Tag an dem ich aufwache, aufstehen kann und den Tag ohne außerordentliche Anstrengungen meistern kann.
  4. Bewusstsein – Ich lebe bewusster, genieße schöne Momente, nehme diese intensiver war.
  5. Kampfgeist – Gezwungenermaßen habe ich gelernt zu kämpfen, ich bin stärker und ‘härter im Nehmen’ geworden.
  6. Selbstkenntnis – Ich weiß jetzt, wann es mir reicht, weiß wann ich mir was zutrauen kann und wann ich mich besser zurückhalten sollte.
  7. Stolz – Ich bin unglaublich stolz auf mich, dass ich das, im wahrsten Sinne des Wortes, überlebt habe.

Auch wenn das “nur” sieben Punkte sind, sind es sehr gewichtige Dinge. Was ich persönlich noch gelernt habe, ist, dass der Tod etwas ist, dass den Zurückgebliebenen zustößt.

Pauline

Depressionen – wie ich in das schwarze Loch fiel

Das ist kein leichtes Thema und mir fällt es schwer darüber zu schreiben, aber ich denke es ist wichtig es anzusprechen. Also folgt meine Geschichte, ich hoffe ich konnte meine Erfahrungen anschaulich beschreiben.

Vor ungefähr zwei Jahren ist mein Opa gestorben. Damit fing es bei mir an. Ich war unendlich traurig, natürlich. Aber alle anderen schienen sich langsam zu erholen, nur mir fiel das lachen noch schwer. Ich hielt mich einfach für besonders sensibel und hoffte das es auch mir bald besser gehen würde. Irgendwann war ich auch nicht mehr traurig, ich war gar nichts mehr, ich war wie betäubt. Im Herbst letzten Jahres konnte ich nicht mehr, ich brach zusammen, ich gab auf. Dieses große, schwarze nichts überrollte mich. In meiner Familie sind Depressionen bereits bekannt und zum Glück kein Tabuthema. Ich habe mich meiner Mutter und meinem Bruder anvertraut. Es war morgens, meine Mutter wollte mich wecken, aber ich konnte nicht aufstehen, die Decke war zu schwer. Ab diesem Zeitpunkt bin ich gefühlt wochenlang nicht aufgestanden, ich war über drei Monate nicht in der Schule. Es fühlt sich an als ob die sonst so weiche und warme Bettdecke wie aus Blei auf dir liegen würde, du kriegst keine Luft mehr. Es fühlt sich an als ob deine Brust eingeschnürt wäre, du starrst stundenlang die weiße Wand an, ohne zu bemerken wie die Zeit vergeht. Man kann nicht schlafen, egal wir erschöpft man ist, die Gedanken kreisen, man kommt nicht zur Ruhe. Man bekommt alles mit, man ist körperlich anwesend, aber mental total abwesend. Abends ging es mir verhältnismäßig gut, aber morgens, wenn ich aufgewacht bin, wenn ich überhaupt geschlafen habe, wünschte ich mir tot zu sein. Ich hatte keine Suizidgedanken, aber ich hätte es nicht bedauert einfach nicht zu existieren. Man befindet sich in einem Strudel, wird immer tiefer ins unendliche nichts gesogen. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie beschissen es Menschen gehen kann.

Ich habe schnell einen Termin bei einer Psychiaterin und einen Therapieplatz bekommen, ich nehme Psychopharmaka, mir geht es um 1000 Prozent besser als noch vor sechs Monaten. Ich bin so unglaublich Dankbar für die Hilfe, Unterstützung und Geduld die mir meine Familie und meine Freunde geboten haben. Es war schwer zu sehen wie es – wie ich – sie belastet habe. Seid wachsam und achtet auf eure Freunde. Vermeidet es, Sätze wie: ” Ach komm, steh auf, stell dich nicht so an”. zu Leuten zu sagen, die auch nur annähernd so was durchmachen müssen. Auch: “Ich war gestern so depressiv” habe ich in letzter Zeit oft hören müssen. Beachtet bitte eure Wortwahl, denn ihr habt, hoffentlich, keine Ahnung was es heißt wirklich depressiv gewesen zu sein oder es immer noch zu sein. Natürlich wurde sowas auch früher schon gesagt, wahrscheinlich kam mir so ein ähnlicher Satz auch schon mal über die Lippen, aber mir fällt es erst jetzt bewusst auf.

Wieso ich das alles schreibe? Ich habe die Hoffnung irgendwem da draußen das Gefühl zu geben nicht alleine zu sein. Ich habe am eigenen Leib erfahren müssen, was es heißt an einer Depression zu leiden, aber ich habe mir Hilfe gesucht, mich anvertraut. Ich will an alle mit-mir-leidenden appellieren: holt euch Unterstützung, es ist ok, wenn man alleine nicht aus dem schwarzen Loch heraus kommt. Probiert es aus! Das Leben kann wunderschön sein; lernt, dass wieder zu erkennen! Wahrscheinlich auch, damit ihr versteht wieso ich welche Beiträge veröffentlicht habe und noch veröffentlichen werde. Auch meine Kurzgeschichte ist Grund dafür. Vielleicht kann man jetzt nachvollziehen, woher ich die Ideen und die Inspiration für manche Formulierungen und Beschreibungen habe, vor allem den letzten Satz.

Pauline

P.s.: Mir ist aufgefallen das ich aus Reflex zuerst immer schreiben wollte das ich Depressionen habe und nicht depressiv bin. Vielleicht, weil es nicht so schlimm ist etwas negatives zu haben wie etwas negatives zu sein?