Ein kalter Hauch

Sie war sich sicher. Das war der letzte Abend der ihnen blieb. Der einzige Abend an dem sie noch mit ihm sprechen, seine warme Hand halten, ihm Fragen stellen konnte. Der letzte Abend an dem sie ihm sagen konnte wie sehr sie ihn liebte und wie sehr sie ihn vermissen wird, was er sie alles gelehrt hat. Sie ging die kahlen Krankenhausflure entlang, an etlichen Türen, leeren Betten, die auf Patienten zu warten schienen, und an eilig vorbei hetzenden Krankenschwestern und Ärzten vorbei. Niemand achtete auf sie. Niemand wunderte sich über ihr Dasein. Schließlich war sie in den letzten Tagen täglich auf die Intensivstation gekommen um ihn zu besuchen.

An seiner Tür angekommen, klopfte sie zögerlich. Automatisch machte sie ihr Zeichen: dockdock, dock. Das hatten sie in ihrer Kindheit so vereinbart und plötzlich konnte sie den Apfelkuchen wieder riechen. Den hatten er und sie manchmal gemeinsam gebacken. Ihre Mutter hatte sich immer überschwänglich gefreut, auch wenn er meistens ein bisschen verbrannt war. Sie betrat das Zimmer, er sah zum Fenster bevor er seinen Kopf in ihre Richtung neigte. Seine Augen sahen sie an, aber er nahm sie nur noch verschwommen wahr, wie in einem Traum. Eine heiße Träne lief an ihrer Wange herunter und auch seine Augen glänzten ungewöhnlich wässrig. Er weiß es, dachte sie, auch er weiß, dass er heute sterben muss. Wie schrecklich es sein muss, auf den Tod zu warten. Sie zog einen Stuhl neben sein Bett, setzte sich, ohne zu sprechen. Sie nahm vorsichtig seine Hand, hatte angst ihm weh zu tun und legte zögerlich den Kopf auf seine Brust. Sie fühlte den Puls am Handgelenk und konnte sein Herz schlagen hören. Er küsste sie auf den Hinterkopf und streichelte mit seinem Daumen ihren Handrücken. Sie wollte ihm sagen wie sehr sie ihn liebt aber der Kloß in ihrem Hals war zu groß. Sie fing leise an zu schluchzen, sie schmeckte die salzigen Tränen, fühlte sich hilflos und machtlos. Sie blieb noch etwas liegen, bis sie einen kalten Hauch spürte und aufstehen wollte um das Fenster zu schließen. Als sie sich erhob und ihn ansah, merkte sie das er nicht mehr atmete. Seine Augen blickten starr an die Decke. Es war schon dämmrig, der Himmel war in ein warmes rot getaucht und ein Schmetterling schwirrte durch die Luft.

Kurzgeschichte #3

Pauline

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